Es war im März eine der ersten Trauerfeiern, die ich zu halten hatte unter den neuen Corona-Bestimmungen. Der Familienvater war in einem Pflegeheim gestorben. Trotz der durch die Pandemie gegebenen schwierigen Situation war dieses Pflegeheim sehr rührig gewesen und ermöglichte der Familie – Ehefrau und Kindern - , jeden Tag für vier Stunden den Ehemann und Vater zu besuchen. Sie teilten sich auf, Ehefrau, Kinder, jede blieb täglich eine Stunde am Bett des Sterbenden. Eine ganz intensive, kostbare Zeit zum Abschiednehmen. Es gab eine Sicherheitsschleuse und Schutzkleidung. Und es funktionierte gut. An der Trauerfeier durfte wenigstens die Kernfamilie auch komplett teilnehmen. Der Verstorbene hatte Enkelkinder, die mit ihm zeitlebens eng verbunden waren und ihm viel zu verdanken hatten und es sich nicht nehmen lassen wollten ihn auf diesem letzten Gang zu begleiten. Der Bestatter hatte die Urne im Kofferraum seines Autos aufgebaut und das Drumherum so schön und feierlich aufgebaut, dass der Blick in den Laderaum wie der in eine kleine Kapelle war.

So fuhr er mit dem Auto bis zum Friedhofseingang und machte den Kofferraum auf. Und wir standen am Kircheneingang , in gebührendem Abstand zueinander, und lauschten der Orgel, die die Trauerfeier eröffnete. Durch die offene Kirchentür war das Orgelspiel gut zu vernehmen. Wir hatten schönes Wetter und konnten uns so auch Zeit nehmen für die Ansprache, für Liturgie, Gebete. Und gingen dann zum Glockengeläut gemeinsam ans Grab. Es war nicht in der Kirche, und es war nicht in dem größeren Kreis von Freunden, Nachbarn, weiteren Weggefährten. Aber es war unter den bestehenden Umständen eine – ich empfand es zumindest so - dennoch würdige und hoffentlich für die Familie auch trostreiche, stärkende Art des Abschiednehmens! Warum ich das schreibe? Weil es mich sehr beschäftigt: dass so viele Menschen, Kinder, Enkelkinder ihre lieben Verwandten im Seniorenheim nun schon über Wochen nicht besuchen dürfen. Mich bewegt die Isolation, in der sich ältere Menschen in Heimen befinden, obwohl sich Pflegepersonal so aufopfert und so viele Ideen umsetzt den Alltag auch jetzt abwechslungsreich zu gestalten: Ihr Pflegeengel, mal an euch ein riesen Dankeschön, was ihr alles bewegt!! Trotzdem: Mich bewegt, wenn ich von der Sorge von Angehörigen höre, dass ihre Mutter, ihr Vater vielleicht einmal ganz ohne die Begleitung durch die eigenen Kinder sterben muss. Oder bei einer beginnenden Demenz später einmal, wenn erst nach längerer Zeit wieder ein Besuch möglich ist, die eigenen Kinder nicht mehr erkennt. Mich bewegt, wie sich auf einmal ganz gemeine Schuldgefühle melden: Hätten wir ihn, sie doch damals nicht in ein Heim gegeben! Es wäre doch gar nicht gegangen, nicht baulich, nicht angesichts der beruflichen Situation der Kinder, und hat sich euer lieber Angehöriger nicht selber gleich recht gut eingelebt? Aber Schuldgefühle nehmen auf solche Gedanken oft keine Rücksicht! - Mich bewegt aber auch die Sorge von Pflegenden in den Heimen: was, wenn jemand von uns bei all den strengen Schutzmaßnahmen vielleicht einmal den tödlichen Virus einschleppt und Menschen, zu deren Pflege wir so viel Herzblut einsetzen, dadurch möglicherweise zu Tode kommen? Ohne ständige Testung kann keiner das ausschließen. Wie viele seelische Tragödien haben sich bestimmt schon an verschiedenen Orten abgespielt, weil plötzlich das Covid-19-Virus in einem Pflegeheim wütete, Menschen starben und die, die dort arbeiteten oder zu Besuch kamen, sich bang fragten: War ich es? Wie brutal sind solche Schuldvorwürfe für Menschen, die einfach nur für andere da sein wollen? –

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Da wird mir das Bild auf meiner einen Osterkerze ganz schön aktuell: das Lamm Gottes. Der, der die Schuld trägt. Die Schuld, die wir uns manchmal zu Unrecht geben. Und die Schuld, die wir tragen, weil wir handeln müssen und obwohl wir das Beste wollen. Noch etwas: Ich habe die Worte eines Menschen hoch in den Achtzigern noch in Erinnerung, wie er sagte: Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe. Aber ohne meine Familie und Freunde, was soll mein Leben da? Dann nehme ich doch lieber das Risiko, aber auch die Freude an, besucht zu werden. Das Leben, nur um des Lebens willen, aber ohne die kostbaren sozialen Kontakte: das Leben ist doch nicht das allerhöchste Gut! So sagte er sehr bestimmt! – Es ist wichtig, dass jetzt, neben der Frage von Öffnung von Geschäften und Schulen und Kitas auch die Situation der Pflegeheime in den Blick genommen wird. Dass ab 4. Mai wohl wenigstens eine Stunde Besuch pro Woche möglich ist. Wir brauchen Kontaktermöglichung ganz besonders für die Familie. Pflegeheime brauchen Unterstützung, dass es einen Raum geben kann, mit Trennglas, Abschirmung, aber doch so, dass man sich sehen, miteinander reden, füreinander da sein kann. Vielleicht braucht es auch finanzielle Hilfen für die Anschaffung von Tabletts, dass wenigstens Facetime möglich wird, telefonieren mit Blickkontakt und sich sehen. Die Nordkirche hat diesbezüglich gerade einen Spendenaufruf gemacht. Wahrscheinlich gibt es noch ganz andere Möglichkeiten, wie sich Begegnungen gestalten lassen in Coronazeiten. Die Sorge ein Virus in ein Heim einzuschleppen, darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Aber völlige Isolation über Monate kann auch nicht die Lösung sein. Und ganz eminent wichtig ist die Besuchserlaubnis, wenn Menschen im Sterben liegen. Im Februar wurde in Deutschland ein aufsehenerregendes Gerichtsurteil gefällt: Assistierte Sterbehilfe ist danach nun juristisch erlaubt, wenn ein Sterbender dies für sich wünscht . Die Selbstbestimmung der Sterbenden wurde in diesem Urteil sehr wichtig genommen. Erst recht muss es Sterbenden dann aber auch auf ihren Wunsch hin ermöglicht werden von den liebsten Menschen, die sie haben im Sterben begleitet zu werden. Dass Politik, Kirche, Gesellschaft dabei noch mehr unterstützt und das Personal in Pflegeheimen, das jetzt schon bis zum Anschlag belastet ist und einen sagenhaft guten Dienst macht, und auch die Familien nicht alleine lässt: das wünsche ich so sehr!

Bleibt alle gut behütet!

Euer Pastor Gerald