Erinnerungen wurden wach an meine erste eigene Pfarrstelle im Vogelsberg in Hessen damals. Am 30. April gab es Maifeuer, von den Burschenschaften betreut. Jeder Ort hatte sein eigenes Feuer, und es entwickelte sich zu einem Wettbewerb der Burschenschaften untereinander das Maifeier der Nachbargemeinde schon einen Abend vorher heimlich anzuzünden. Das zu verhindern, wurden Nachtwachen aufgestellt. Aber wehe, wenn diese zu sehr dem Alkohol zusprachen oder im Laufe der Nacht einschliefen und die feindliche Attacke auf das eigene Feuer so buchstäblich verschliefen! Welche Enttäuschung für die Kids vor allem bedeutete es, wenn das Maifeuer, auf dass sich so lange gefreut wurde, ausfallen musste, weil es schon abgefackelt war!

Am nächsten Tag, dem 1. Mai, zogen die Burschenschaften dann mit Bollerwagen durch die Wälder. Einige Kisten Bier waren in den Wagen gepackt, es wurde unterwegs gepicknickt und gesungen. Und abends ließ man es dann bei jemandem daheim gemütlich ausklingen! Dieses Jahr wird auch dieser Brauch leider ausfallen müssen. Oder die Burschenschaften müssen sich auf Zweierteams aufteilen, um durch die Wälder zu ziehen. - Was habt ihr für diesen Feiertag geplant? Dass bereits am 1. Mai 1856 in Australien damals Arbeiter auf die Straße gingen um für einen Acht-Stunden-Tag zu demonstrieren, war mir nicht bewusst. Ich habe es mir gerade mal schnell gegoogelt. Bereits 1890 wurde dieser 1. Mai dann beinahe weltweit als Gedenk-, Protest- und Streiktag begangen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gerechtigkeit. In diesem Jahr kann uns dieser Tag vielleicht ganz besonders an die vielen Versprechen erinnern, die in der Coronakrise gemacht werden: dass Pflegekräfte und die Mitarbeiterinnen im Einzelhandeln unbedingt besser bezahlt werden müssen. Dass wir nicht wichtige Industriezweige einfach weiter ins Ausland verlagert werden dürfen, weil dort billiger produziert wird, sondern dass auch die Produktion vor Ort ganz wichtig ist. Dass Homeoffice möglich ist und teilweise erstaunlich gut funktioniert, aber nicht dazu führen darf, dass Menschen nun zu Hause ausgebeutet werden, indem sie weitaus mehr Stunden arbeiten, als bezahlt werden. Und dass gerade bei Homeoffice noch einmal besonders auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geachtet werden muss: Tagsüber für die Kinder da sein und Homeoffice dann bis weit in die Nacht schieben und am Ende überhaupt keine Atempause für sich selber mehr zu haben und keine gescheite Nachtruhe: das kann es nicht sein! Auch die Gerechtigkeitsfrage stellt sich in der Coronazeit virulent: auf welch verlorenem Posten stehen Gesellschaften angesichts von Corona, die aufgrund der großen Armut im eigenen Land kaum Kliniken mit Intensivbetten in erreichbarer Nähe vorhalten können! Und so sehr sich auch aus jeder Bevölkerungsschicht weltweit Menschen an diesem Virus anstecken können, sind es doch die Armen und Ärmsten, die Flüchtlinge in Lagern, die Menschen auf der Straße und die vielen, die ohne soziales Netz hungern und verhungern, wenn wegen eines Lockdowns ihre Arbeit wegbricht: die am dramatischsten unter der Pandemie leiden! Tag der Arbeit 2020. Ein besonderer Tag, der uns heute erinnert an die vielen, die seit Wochen völlig überlastet im Einsatz für Menschen arbeiten. Und an andere, die gerne arbeiten würden, aber nicht dürfen aus Gesundheitsschutz. Und an die, deren Gehalt auf Kurzarbeitergeld gekürzt wurde und die nur mühsam momentan die weiter laufenden Ausgaben stemmen können. 1. Mai 2020. In diesen Coronazeiten haben wir eines neu gelernt: dass der Mensch nicht für die Arbeit und die Maschinen da sein darf. Sondern die Arbeit und die Maschinen für den Menschen. Gott sei Dank hatte beim Ausbruch der ersten Infektionen der Mensch und der Schutz seiner Gesundheit Vorrang vor allen wirtschaftlichen Erwägungen. Der Lockdown musste sein! Nun müssen wir schauen, wie beides – gesundheitlicher Schutz und wirtschaftliches Überleben - in ein gutes Gleichgewicht zu bringen ist. Nicht vergessen gehen sollte für später aber, wie wichtig Arbeit ist und auch eine faire Vergütung von Arbeit. gut kein kompletter Lockdown, aber schöpferische Pausen von Arbeit und Produktion dem Menschen tun: unserer schwer angeschlagenen Umwelt, den Menschen, mit denen wir zusammenleben, und uns selber! Jesus konnte anhand des Feiertages, des Sabbates, sehr deutlich die Prioritäten formulieren: Der Mensch ist nicht für den Sabbat, der Sabbat mit seiner Ruhe ist für den Menschen da! Das sollte für Arbeit und Produktion gleichermaßen gelten.

Habt einen schönen ersten Mai und bleibt behütet!

Euer Pastor Gerald