Gestern stand der Pastor kopf und quer, und etliche verspürten nach dem „Besuch“ unseres Onlinegottesdienstes Kreuz –und Nackenbeschwerden, mussten sie doch permanent in 90-Grad-Winkel zwischen Kopf-Nacken und Rumpf verharren, um den Pastor in halbwegs aufrechter Haltung anschauen zu können! Und dann verlangte auch noch der Hörsinn gestern vielen alles ab, weil die Lautstärke und das Hallen in der Kirche keinen wirklichen Ohrenschmaus bereiteten. Da riss es dann nur das Orgelspiel von Jorge heraus – und die vielen Gesichter in der Kirche, die dank der Zeichnungen und Porträts von Kindern und Erwachsenen unsere Kirchenbänke in Neugalmsbüll bevölkerten!

Also, noch mal pardon an alle, die gestern an ihrer, nein eher unserer Technik verzweifelten, wir arbeiten daran die nächsten Gottesdienste wieder in besserer Bild- und Hörqualität abliefern zu können! Insofern ist es ja eine echt erfreuliche Nachricht: Ab heute dürfen also Kirchengemeinden mit ihren Kirchengemeinderäten wieder selber entscheiden über ihr Angebot an Gottesdiensten - und sie dürfen öffentlich zu Gottesdiensten einladen! Der Teufel – nein, pardon, der gehört ja nun wirklich nicht in Kirchen, also besser: Die Schwierigkeit steckt im Detail. 15 Quadratmeter pro Person. So ist die zulässige Höchstbelegung unserer Kirchen laut Corona-Verordnung des Landes Schleswig-Holstein umrissen. 15 Quadratmeter. Nun hatte ich immer das Gefühl, dass unsere Kirchen an normalen Sonntagen weit entfernt sind von der Gefahr einer Überfüllung. Im Gegenteil: großzügige Kirchenräume boten den 5 – 15 Gottesdienstbesucherinnern und –besuchern jede Menge Ausweichmöglichkeiten voreinander an, es herrschte immer ein komfortables Platzangebot, das selbst jemand, den während der Predigt ein Anflug plötzlicher Müdigkeit übermannte, die Möglichkeit bot sich bäuchlings flach zum Nickerchen in die Kirchenbank zu legen, ohne anderen dabei ins Gehege zu kommen. Aber 15 Quadratmeter Mindestabstand stellen uns nun echt vor Probleme. Auf den Bankbereich unserer Neugalmsbüller Kirche umgerechnet, bedeutet das bei 120 Quadratmetern: 8 Gottesdienstbesucherinnen und –besucher. In Klanxbüll kommen wir auf weniger. Auf Emmelsbüll und Horsbüll auf einige mehr. Ja, für einen normalen Sonntag könnte das reichen oder auch eng werden. Aber Beerdigungen und Konfirmationen stellen da bereits ein erhebliches Problem dar! Mit 15 Quadratmetern kann man einiges anfangen in Deutschland: man kann laut Arbeitsstättenverordnung auf dieser Fläche fast zwei Einzelbüros à mindestens 8 qm errichten. Man kann für 15 Quadratmeter Studentenwohnung schon mal 720 € monatlich zahlen – zumindest in einem luxuriösen Co-Living-Space in Berlin-Moabit. Man darf auf 15 Quadratmetern 135 Hühner halten, laut Nutztierhaltungsverordnung bei der Boden- oder Freilandhaltung (9 Hühner pro Quadratmeter), bei einer Biohaltung allerdings zugegeben nur 90 Hühner. Auf einen Gruppenraum im Kindergarten umgerechnet, dürfen auf 15 Quadratmetern 7 Kinder spielen, eigentlich sogar siebeneinhalb, da pro Kind 2 Quadratmeter gerechnet werden. – Oder man hält auf 15 Quadratmetern einen Gottesdienstbesucher oder eine –besucherin. In Mecklenburg-Vorpommern braucht ein Gottesdienstbesucher übrigens weniger Platz um vor Ansteckung geschützt zu sein. Mag es an einer geringeren durchschnittlichen Leibesfülle in jenem Bundesland liegen oder an besseren Abwehrkräften der Menschen oder vielleicht sogar an besseren Predigten, denen man leichter aufrecht statt in der Horizontalen folgen kann und deshalb weniger Platz um sich braucht? Egal, in Schleswig-Holstein sind es nun mal 15 Quadratmeter, mit denen wir arbeiten müssen. Bliebe die nächste Frage: Was macht einen Gottesdienst zum Erlebnis? Natürlich an allererster Stelle Gott, der mit uns mitfeiert, sein Geist, sein Wort. Aber Gottesdienst – das ist doch auch: zusammen feiern mit einer Gemeinde. Beieinander sitzen. Singen aus dem Gesangbuch. Am Ausgang noch einen Tee zusammen trinken und schnacken. Begegnung, Gespräch, Miteinander. Wie viel Freude mag aufkommen, wenn jeder fünf mal drei Meter um sich Abstand halten muss – übrigens egal, ob man aus einer Hausgemeinschaft kommt oder nicht: die 15 Quadratmeter bleiben!? Geht Gesang mit Mundschutz? Oder lieber auf das Singen ganz verzichten? Auf jeden Fall nicht laut singen, wegen der Aerosolen, höchstens summen! Platzanweiser geben genau das Signal, wer wann in welche Richtung die Kirche betreten und wann wieder verlassen soll. Zügig die Kirche verlassen, bloß nicht am Eingang noch stehenbleiben. Die Küsterin sprüht gleich mit Desinfektion hinter jedem und jeder her. Eine Aufführung von Kindern oder Chorgesang: noch undenkbar! Ist das Gottesdienstfeeling? „Was staatlich nun unter restriktiven Bedingungen ermöglicht wird, muss kirchlicherseits nicht unbedingt Jubel auslösen und wirklich dem Heil dienen.“ Jetzt verstehe ich, was der Magdeburger Bischof Gerhard Feige mit dieser Äußerung kürzlich meinte! Also dann doch lieber weiterhin von der heimischen Couch aus den Gottesdienst im Fernsehen oder aus der Heimatkirche online verfolgen – meinetwegen auch einen Sonntag mal mit starrer Genickhaltung, aber dafür angstfreier und nicht so steril? Und für die, die im Internet nicht so untewegs sind, öfter einen Gemeindebrief analog verteilen, damit wir in Verbindung bleiben? Am Mittwoch werden wir in unseren Kirchengemeinderäten darüber sprechen – aber wenn ihr mögt, schreibt uns doch auch gerne eure Meinung zu dem Thema! Gerade klingelte das Telefon. Die nächste Beerdigung ist angekündigt. „Wir dürfen doch jetzt wieder in die Kirche?!“ – Na ja, sage ich, prinzipiell schon. Und verweise dann auf die 15 Quadratmeter und maximal 12-–15 Personen…Mit 20 oder mehr erwarteten Trauergästen entstand Ratlosigkeit: Sollen wir dann nicht doch lieber draußen direkt in Abstand am Grab bleiben, statt in die Kirche zu gehen und vielleicht die Hälfte der Trauernden vor der Tür zu lassen? Schwierige Entscheidungen! Nein, dieser 4. Mai ist noch nicht wirklich der ganz große Durchbruch. Wir müssen vorsichtig bleiben wegen des Virus. Aber an den 135 Hühnern, aber nur einem Gottesdienstbesucher können wir vielleicht doch noch arbeiten!

Bleibt behütet und gesegnet!

Euer Pastor Gerald