106. Geburtstag in Nordfriesland! Was für ein besonderer Ehrentag! Wem ist es schon vergönnt einen solchen Tag erleben zu dürfen! Nur das Mitfeiern der Familie ist nicht auf herkömmliche Art möglich, wenn das Geburtstagskind im Pflegeheim ist – in Zeiten von Corona. Doch die Familie ließ sich etwas einfallen. Punkt 11.00 Uhr wartete die Jubilarin sehnsüchtig im Speisesaal nahe der Eingangstür zum Heim. Und dann kam sie – ihre Familie: Kinder, Enkel, Urenkel. Stellten sich vor dem Eingang auf. Sangen ihr ein Lied. Winkten ihr zu. Und sie winkte mit Tränen in den Augen zurück!

Es war anders als jeder andere Geburtstag bisher in ihrem Leben. Aber so schwer die Abstandswahrung ist gerade an einem solchen Tag: sie spürte in ganz besonderer Weise, dass da draußen Familie ist, die an ihr hängt und sie liebhat, die sie irgendwann wieder richtig in die Arme schließen will. Und dass es sich gerade deshalb lohnt weiter zu kämpfen, nach Möglichkeit durchzuhalten, so Gott will! 70. Geburtstag irgendwo in Nordhessen. Sie hat immer groß gefeiert mit der ganzen Nachbarschaft. Sie hatte sich schon so auf die Feier in diesem Jahr gefreut. Aber jetzt musste sie ja alles absagen. Sie wollte auch gar nicht mehr von ihrem Geburtstag wissen. Dann kam der große Ehrentag. Und ab 10.30 Uhr klingelte es im Viertel-Stunden-Takt an ihrer Tür. Sie stand in der Tür, und immer stand eine andere Abordnung der Nachbarn vor dem Eingang. Natürlich mit Abstand. Und brachte ein Ständchen dar! Der ganze Vormittag war erfüllt von Begegnungen an der Tür, von Zuwinken und Tränen Verdrücken. Und vielleicht noch nie wusste sie sich ihren Nachbarn, mit denen sie schon bisher so viel verband, so nahe wie in diesem Jahr. Jedes Ständchen, jedes Zuwinken war ein Versprechen: Du bist nicht allein, wir stehen diese Zeit gemeinsam durch, und irgendwann holen wir alles, was jetzt nicht geht, nach. Szenenwechsel. Eine Beerdigung in Coronazeiten in Deutschland. Nur die engste Familie durfte teilnehmen. Nachbarn waren ausgeschlossen. Dabei waren Nachbarn im Leben der Verstorbenen immer so wichtig gewesen. Zur selben Zeit hatten sie damals in der Straße gebaut. Sie hatten sich immer gegenseitig geholfen. Ihre Kinder sind miteinander groß geworden. Und sie selber sind alle miteinander alt geworden. Haben sich stets unterstützt. Waren die einen im Urlaub, hatten die anderen den Schlüssel zur Wohnung und versorgten die Blumen und kümmerten sich um alles. Und abends im Sommer saßen sie meist in einem der Gärten alle zusammen. Als die ersten in Ruhestand gingen, beschlossen sie nun jeden Geburtstag gemeinsam zu feiern. Vormittags kamen immer um die 20 Menschen zusammen, reihum. Mancher war nun schon gestorben , und immer gingen alle Nachbarn mit, denn sie waren füreinander wie Familie. Nun war sie gestorben, und keiner der Nachbarn durfte mitgehen. Aber sie ließen sich etwas einfallen. Einen Tag nach der Beisetzung. Es war an einem Samstag. Abends um 19.00 Uhr. Da traten sie alle aus ihren Häusern. Jede, jeder ein Sektglas in der Hand. Sie hoben das Glas gen Himmel. Sie tranken den Sekt aus. Sie blieben so lange draußen stehen, bis der letzte sein Glas leer getrunken hatte. Sie grüßten noch einmal stumm gen Himmel. Sie schauten zu dem Haus, in dem die Verstorbene gelebt und in dem sie alle so viele schöne Stunden verbracht hatten. Nickten einander zu und gingen wieder in ihre Häuser! Corona bringt unsere Rituale und Gewohnheiten beträchtlich durcheinander. Aber Menschen, die sich lieben, finden neue Rituale. Um ihre Zusammengehörigkeit zu zeigen. Um Nähe zu bekunden. Es sind diese Rituale. Es sind diese Gesten, die Mut und Kraft geben. Es lohnt sich durchzuhalten. Wir sind nicht allein!

Seid getrost und behütet an diesem Tag!

Euer Pastor Gerald!