Es wird ja wirklich Zeit! Ich meine: dass die Bundesliga wieder startet! Ist doch mal eine Abwechslung nach all den Corona-Talkshows mit den Dauerteilnehmenden Markus Söder oder Armin Laschet oder Karl Lauterbach und den etwas trostlosen Quiz- oder Let´s-Dance-Finalrunden ohne Zuschauer: endlich mal wieder zweiundzwanzig schwitzenden Mannsbilder einem Fußball hinterher hecheln zu sehen und in Torjubelexstase zu verfallen! Endlich gibt es bei den Telefonaten mit der Familie oder den Gesprächen über den Gartenzaun mit Zwei-Meter-Mindestabstand wieder ein richtiges Thema: statt ständig über die schlechte Internetverbindung beim letzten Homeoffice zu klagen oder die neuesten Verschwörungsthesen über Corona oder den Ärger über den abgesagten Sommerurlaub zu artikulieren.

Endlich kann man sich wieder die Köpfe heißreden über die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Nicht gegebene Elfmeter, unberechtigte Rote Karten, über das Dusel der Bayern. Endlich kann man Wetten eingehen, ob der HSV den Aufstieg noch schafft oder nicht und ob man nicht selber die tausendprozentige Chance in der 90. Minute anders als die Lewandowskis oder Werners locker im Tor untergebracht hätte! Nun gut, zugegeben: angesichts meiner Verbundenheit mit meinem alten Heimatverein Eintracht Frankfurt wären die nächsten Wochen deutlich ruhiger und entspannter ohne Fußball. Jetzt werde ich wieder aufgeregt vor dem Liveticker sitzen, mitfiebern, mich mächtig ärgern und nach jeder Niederlage den ganzen Abend ungenießbar sein. Und das wird wohl häufiger passieren, weil mein Fußballverein dafür bekannt ist, 1) gegen Ende einer Saison immer schlechter zu werden, 2) auswärts sowieso sämtliche Punkte liegenzulassen, 3) ohne die Unterstützung der eigenen Fans, die ja sehr gewaltig ist, nicht viel Bein auf den Boden zu bringen, 4) regelmäßig das Kunststück fertig zu bringen in den letzten Wochen einer Saison die Ausbeute einer gesamten Spielzeit in den Sand zu setzen. Wenn jetzt Schluss wäre, wäre mein Verein Bundesliga-Zwölfter, das ist zwar jenseits von Gut und Böse, aber damit könnte ich gut leben. Es kann sehr viel schlimmer kommen, und es zu befürchten, dass das auch passiert. Und ob die Leipziger wenigstens noch die Bayern abfangen und so endlich mal jemand anderes Deutscher Meister wird, ist ja auch nicht gesagt. Und wer es jetzt hier im Hohen Norden mit dem HSV hält: da wäre ein Saisonabbruch womöglich auch besser – Saisonabbruch und außerdem als neue Regel: der Drittplatzierte der Zweiten Liga steigt automatisch auf! Damit wäre der HSV wieder im Oberhaus! So dagegen ist, da der HSV zu einer ähnlichen Launenhaftigkeit neigt wie meine Eintracht, nicht ausgeschlossen, dass die Hamburger den dritten Tabellenplatz noch verspielen und am Ende wieder mit leeren Händen dazustehen! Sei es drum: die nächsten Wochen versprechen etwas Spannung und Emotionen und endlich mal wieder ein anderes Thema auf der Tagesordnung. Vielleicht ist das ja allein schon die Fortsetzung der Bundesliga wert. Ach so! Eigentlich hattet ihr alle hier eine substantiellere Diskussion erwartet? Von wegen: muss man die wenigen vorhandenen Testkapazitäten für Corona nun ausgerechnet für Profifußballer vergeuden, statt sie für alle Pflegenden einzusetzen? Siegt nun doch wieder der Kommerz: die Handballer sagen ihre Saison ab, aber die feinen Fußballprofis müssen ja noch fürstlich abkassieren, und dazu braucht es die TV-Gelder? Sind überhaupt Sportwettkämpfe vor leeren Rängen wünschens-wert, wo doch Emotionen und die Choreographien der Fans erst ein Fußballspiel zum echten Erlebnis machen? Gibt es nicht in diesen so aufgewühlten Zeiten wirklich Wichtigeres als Fußball? Stimmt, das wären auch Argumente gewesen! Aber die gibt es bestimmt heute oder morgen Abend wieder anzuhören bei Maybritt Illner oder Markus Lanz oder Anne Will. Vielleicht nur eines: „The games must go on!“ Damals, nach dem Olympiaattentat 1972, hat dieser Satz seinen Ursprung gefunden und ist seitdem tausendmal zitiert und diskutiert worden. Was ist richtig in einschneidenden und schicksalsschweren Momenten: Weitermachen, um zur Normalität zurückzufinden, und trotz allem Schweren versuchen das Leben zu feiern? Oder innezuhalten, zu unterbrechen, abzusagen, um den Ernst der Situation deutlich zu machen, den Opfern und dem Leid in der Welt Gewicht zu geben und nicht einfach „business as usual“ weiterzupflegen? Im Leben stehen wir selber oft genug vor genau dieser Frage. Und fast immer gibt es für beide Meinungen gute Gründe! The games must go on – aber sie dürfen nicht weitergehen, als wäre und würde nichts geschehen! Eine Geste der Anerkennung bei jedem Spiel für das, was zeitgleich viele in Pflegeheimen und Krankenhäusern im Einsatz für Menschenleben leisten! Eine neue Sensibilität im Profifußball für Gehaltsstrukturen, die sich viel zu sehr entfernt haben von denen der Fans. Eine fairere Verteilung von Fernsehgeldern und Unterstützung durch den immer noch reichen Profifußball für Branchen, die momentan wegen Corona noch völlig am Boden liegen: vielleicht wären das Schritte in die richtige Richtung!

Kommt behütet durch diesen Tag!

Euer Pastor Gerald