Es wird gesungen: wenn die Not überstanden ist und die Freude sich Bahn bricht: „Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt“, singt Miriam, Moses Schwester, nachdem die Flucht des unterdrückten Volkes Israel gelang und ihre bewaffneten Verfolger im Meer ertranken (2. Mose 15). Es wird gesungen bei Festlichkeiten, wenn ein großes Ziel erreicht ist, und der Regierungschef geht singend und tanzend vorneweg: so wird es erzählt, als die Stadt Jerusalem von König David erobert wurde und Einzug gehalten wurde mit der Bundeslade, jener Truhe mit den heiligen Tafeln der 10 Gebote (2. Samuel 6). Es wird gesungen: ein Lied voll Gesellschaftskritik, ein Lied, das Menschen wachrütteln soll ihr Verhalten zu verändern: so tut es Jesaja auf dem Marktplatz, als er von einem Weinberg singt, der keine Trauben trägt, und dabei sein Volk meint, das keine Früchte der Liebe bringt (Jesaja 5)

Es wird gesungen: bei religiösen Handlungen und in Gottesdien-sten. Von Anfang an. Das Buch der 150 Psalmen in der Bibel ist so eine Art Gesangbuch im Tempel in Jerusalem gewesen: denn diese Liedtexte – etwas anderes sind Psalmen ja nicht – wurden im Gottesdienst gesungen. Es wird gesungen auch in der jungen christlichen Gemeinde: „Jesus, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich und nahm Knechtsgestalt an und wurde den Menschen gleich…“ So beginnt eines der ältesten gottesdienstlichen Lieder, die erhalten sind, im Philipperbrief Kapitel 2. Und es wird gesungen: auch im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes: Engel und gerettete Menschen singen Gott zur Ehre und zum Dank, dass er die Geschichte in der Hand hält und ein gutes Ende schenkt: „Groß und wunderbar sind deine Werke.“ (Offenbarung 15). – Es wird noch viel mehr gesungen in der Bibel, aber dieser kleine Streifzug mag genügen. Wann singt ihr so? Seid ihr die vielzitierten Unter-der-Dusche-Sängerinnen und Sänger, oder lieber im Auto, beim Kochen oder Staubsaugen, draußen am Deich mit dem Wind um die Wette, oder nachts auf der Terrasse, leise für euch, beim Blick in den Sternenhimmel? Ich sing gerne – ist vielleicht auch einfach zum Schutz meiner Lieben! – , wenn mich keiner hört, unterwegs beim Spazierengehen oder auf dem Fahrrad, wenn der Gegenwind nicht zu stark und meine Puste nicht zu knapp ist. Oder im Auto, wenn ich alleine drinnen sitze und die Musik aufdrehe. Und manchmal singe ich auch mehr so innerlich leise vor mich hin. Der kommende Sonntag trägt den Namen: Kantate. Singet. Aus dem Wochenspruch ist dieses Wort genommen: Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! (Psalm 98,1). Es wird in diesem Jahr ein anderer „Kantate“-Sonntag sein als sonst. Hier und da wird wieder zum Gottesdienst eingeladen, öffentlich und „analog“, wie man das jetzt so schön nennt. Aber es darf nicht gesungen werden. Singen – da ist aus Sicht vieler Fachleute die Ansteckungsgefahr einfach viel zu hoch durch die Aerosole in der Luft, so kann man jetzt immer lesen. Darum auch noch keine Chorproben und schon gar keine Chorauftritte. Und selbst bei Beerdigungen draußen auf dem Friedhof darf nicht gesungen werden. Singen hat Menschen oft genug in Notzeiten durchhalten lassen. Ich kenne einige Chorsängerinnen, die mir erzählten, in einer Notzeit, in einer Krankheit, oder nachdem der Ehemann verstorben war, da hat sie einzig und allein das Singen über Wasser gehalten, das Singen in ihrem Kirchenchor, das Singen zu Hause, das Mitsingen von Liedern im Gottesdienst. Und das Gesangbuch ist voll von Liedern in Notzeiten, damals, wo Krieg und auch Pest die Menschen bedrohten und Lieder entstanden sind, Lieder zum Durchhalten, Lieder, die Mut machten: Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann. – So textet etwa Paul Gerhardt. Aber wenn wir auch noch nicht draußen in Gemeinschaft oder in Kirchen in Gemeinschaft oder in Chören in Gemeinschaft singen dürfen: mit der Musik, mit diesem göttlichen Geschenk des Singens und Summens, dürfen wir dennoch umgehen und aus ihr Trost und Halt empfangen. Wenn ihr zu Hause online Gottesdienst schaut oder im Fernsehen: da dürft ihr laut mitsingen! Wenn ihr in der Dusche seid, da dürft ihr laut singen, da stört kein Aerosol! Wenn ihr alleine im Auto sitzt. Oder draußen am Deich spazierengeht. So für euch – da dürft ihr singen! Und sogar daheim in Familie mit denen, mit denen ihr unter einem Dach wohnt. Vielleicht entdeckt ihr euch nun als kleiner Chor daheim und singt zusammen. (War nur eine Idee, meine drei Frauen zeigen mir den Vogel, also darauf sollte ich jetzt mal nicht hoffen, es genüge ihnen, wenn ich vor mich hinsinge. Ok, war nur ein Versuch!). Manche singen abends auf ihren Balkonen, weit auseinander und doch gemeinsam: Der Mond ist aufgegangen. Manche singen in den Zimmern eines Pflegeheimes. Draußen spielt jemand ihnen einen Choral, und drinnen singt jeder für sich und doch Wand an Wand mit dem Nachbarn, der Nachbarin. Und bei einer Beerdigung? Oder im Gottesdienst? Wenn wir nicht laut singen dürfen. Vielleicht geht ein leises Mitsummen unter dem Mundschutz, wenn uns danach ist. Oder ein innerliches Mitsingen, ohne Aerosole, ohne Lippenbewegung, aber unsere Seele stimmt mit ein zum Orgelspiel, zu den Melodien? Wir lernen jetzt eben anders und neu zu singen! Und vor allem lasst uns singen voll Überzeugung: der Herr tut Wunder, und er will auch jetzt in dieser schweren Zeit niemanden alleine lassen. Übrigens: Unser Gottesdienst am Sonntag wird noch einmal „nur“ online gesendet und gestreamt, aus Klanxbüll dieses Mal. Wir sind dabei umzustellen, die Hygieneauflagen umzusetzen, damit wir am 17. Mai dann in Emmelsbüll erstmals auch wieder zu einem Gottesdienst in eine unserer Kirchen einladen können – zusätzlich zum Onlineangebot, das erst einmal bestehen bleibt. Also singt diesen Sonntag gerne von daheim aus kräftig mit. Und wenn ihr einen Liedwunsch aus dem Gesangbuch für Sonntag habt, lasst ihn mich heute noch wissen, dann kann sich Ines, unsere Organistin, darauf einstellen. Die Predigt wird es auch zu einer Musik geben.

Lasst euch überraschen und bleibt behütet und von innerlichem Gesang getragen!

Euer Pastor Gerald