Spielräume entdecken

Etwas zusammengezuckt bin ich schon. Als ich das Motto der diesjährigen Aktion „Sieben Wochen ohne“ las: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“. Das war irgendwann im frühen Winter, der nächste harte Lockdown stand bevor. Im Kopf hatte ich noch die Nachrichten von improvisierten Glühweinständen in der Adventszeit, von einer großen Hochzeitsfeier hinter der dänischen Grenze und von der Sehnsucht so vieler, sich endlich mal wieder mit mehr als nur Personen eines weiteren Haushaltes treffen zu können – „Es muss doch niemand merken!“ – An sich liebe ich dieses Wort „Spielraum“ und mag keine Vorschriften und Regelungen ohne die Möglichkeit sie anzupassen, Ausnahmen zu gestatten, im konkreten Fall zu sehen, was möglich ist.

Ich mochte den Lehrer, der nicht nur auf Leistungen sah, sondern auch ein gutes Gespür hatte, wo jemand zu Hause gerade Sorgen hatte, und der eine gute Note als Ansporn vergeben konnte, auch wenn sie rein von den Leistungen betrachtet nicht gerecht erschien. Das fasziniert mich bei Jesus sehr: Er steht auf der Grundlage von Ordnungen der damaligen Gesellschaft und des jüdischen Glaubens. Aber er geht damit – ja, fast möchte ich sagen: spielerisch um. Er sieht die Spielräume, die Gott uns Menschen von Anfang an zugedacht hat, damit aus göttlichen Geboten Angebote zum Leben werden können. Es ist gut, dass es den Ruhetag gibt. – Aber Gutes tun für andere. Menschen gesund machen: das kann an diesem Tag nicht verboten sein! – Es ist wichtig die Eltern zu ehren. Aber das meint keinen unbedingten Gehorsam, manchmal muss ein junger Mensch seinen Weg gehen und elterliche Erwartungen enttäuschen. „Wer mein Wort tut, der ist mir Mutter und Schwester und Brüder“, kann Jesus sagen, als seine Familie ihn eines Tages von den Menschen weg wieder heim holen will. Spielräume nutzen. In Pandemiezeiten kann dieser Slogan missverständlich sein. Es geht nicht darum, Anordnungen, die dem Schutz aller gelten, heimlich und geschickt zu unterwandern. Es geht darum, das Leben auch in harten Zeiten immer noch mit etwas „Spielfreude“ anzunehmen und zu sehen, was an Lebenswertem und den Menschen Zugewandtem auch in Zeiten von Abstandshaltung möglich ist. Der Nikolaus, der im Freien Kindern mit großem Abstand ihr Nikolausgeschenk an einem Stab mit viel Abstand hinüberreichte. Oder Musiker, die mit einem digitalen Konzert aufwarten und Menschen ihr Herz berühren. Ein Chorgesang als Zusammenschnitt vieler Aufnahmen, die jede und jeder daheim tätigt, wie es unser Gospelchor gerade plant. Wir alle sind doch seit bald einem Jahr dabei: Wege zu finden, wie wir leben und einander beistehen und zusammenhalten können, auch wenn wir am allerbesten jeder für sich daheim bleiben sollte. Mal gespannt, zu welchen Gedanken uns die Aktion „Spielräume nutzen“ inspirieren kann. Denkblockaden gehen nicht an. „Geht nicht“ oder „Das gab es noch nie“ gilt nicht. Die Zeiten sind ja auch wie nie. Und wenn wir etwas mit unserem Gott ganz besonders können, dann sind es Mauern zu überspringen. „Gott. Manchmal sind wir wie erstarrt und blockiert und finden keine Wege, die einem anderen Menschen das Leben erleichtern und uns selbst Erfüllung geben. Hilf uns kreativ zu sein, Neues zu wagen, Mauern zu überwinden, der Hoffnung zu folgen. Lass uns nie zu müde sein um neu zu hoffen. Amen.“ – In dem Sinne: bleibt behütet!

Euer Pastor Gerald

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Foto: Helga Christiansens Idee letztes Jahr Kirchenbänke im Lockdown anders zu füllen