Jetzt musste es sein! Morgens beim Aufstehen standen meine Haare schon völlig in alle Richtungen ab, so lang sind sie geworden, und so sprang ich dann bei der ersten Gassitour vor dem Duschen mit unseren Hunden im Garten herum! Und überhaupt, vor Ostern musste unbedingt noch der übliche „Osterschnitt“ sein. Schwierig in Zeiten von Corona, weil meine Lieblingsfriseurin in einem hiesigen Nachbarbüll derzeit aus guten Gründen ihren Laden geschlossen halten muss. Also muss meine Frau ran! Eine Schere haben wir auch. Und los geht es. Mit etwas klopfendem Herzen sitze auf dem Stuhl und höre mir die Anweisungen an. „Halt dich doch mal gerade!“ – „Schau mich an!“ – „Schau nach links, nein, nicht so weit nach unten.“ Ich halte die Luft an, und zwar nicht um auf diese Weise einen Corona-Schnelltest an mir selber durchzuführen, sondern weil ich mich kaum zu bewegen traue.

Vor allem, als meine Liebste mit der langen Schere hinter meinen Ohren die Haare auch etwas abschrägen will. Unsere Töchter schauen gebannt zu – hallo, bin ich ein Kino? „Jetzt wackele doch nicht!“, höre ich noch, und dann schrappt die Schere denkbar knapp an meinem Ohrläppchen vorbei und erwischt doch noch den anvisierten Haarbüschel. – Nun muss der Nacken noch ausrasiert werden. Und dann nichts wie raus aus dem Stuhl. Das Experiment ist gelungen, und nicht eine einzige Schramme habe ich bekommen. Aber, das meinen zumindest meine drei Mädels, wieder einmal dem Vorurteil „Männer! Sind doch Weicheier!“ alle Ehre erwiesen. Ich begutachte mich noch schnell im Spiegel. Na, momentan sehen mich ja nicht so viele, in Zeiten von Homeoffice!  Sollen wir den nächsten online-Gottesdienst am Sonntag vielleicht doch lieber nur als „Radioandacht“ ohne Bild übertragen? Nein, meine Frau, ganz lieben Dank an Dich!!! du hast das schon sehr hübsch gemacht, ganz lieben Dank! Ich wollte mich auch gleich revanchieren und auch meiner Liebsten die Haare schneiden, aber aus unerfindlichen Gründen hat sie da ganz schnell Reißaus genommen! Warum ich euch das schreibe? Wir haben beschlossen, dass das Geld, das ich jetzt für den Friseurbesuch bezahlt hätte, auch unbedingt meine Lieblingsfriseurin erhalten soll. Jetzt haben wir momentan das große Glück keine Gehaltseinbußen zu haben. Und alle, die in genau einer ähnlichen glücklichen Lage sind, könnten sich das doch auch überlegen: ob wir nicht die Ausgaben, die wir dieser Tage normalerweise hätten, denen zukommen lassen, die sie normalerweise auch sonst von uns bekommen hätten, wenn jetzt nicht ihre Läden hätten schließen müssen. Bei Gaststättenbesuchen geht es noch einfacher: bestellt doch einfach, so wie ihr sonst ausgegangen wärt, jetzt online bei denen, die diesen Außer-Haus-Service anbieten. Bestellt vielleicht sogar ein bisschen mehr: die Gaststätten brauchen euch! Und wer andere Dienstleistungen wie einen Haarschnitt jetzt normalerweise in Anspruch genommen hätte: vielleicht könnt ihr das dafür bereitgestellte Geld diesen Dienstleisterinnnen und -leistern eures Vertrauens trotzdem zukommen lassen. Ich muss mit meiner Lieblingsfriseurin noch klären, wie ich das am besten mache, und hoffe, dass dem nicht bürokratische Hindernisse wieder mal im Wege stehen. Irgendwie muss das gehen! Und wenn es bei nächster Gelegenheit eben in die Kaffeekasse kommt. Lasst uns auch unsere Organistinnen und Organisten weiter bezahlen, selbst wenn sie „nur auf Stundennachweis“ arbeiten und jetzt keine Gottesdienste haben: wir brauchen sie weiterhin! Und wem Konzertkarten verfallen. Vielleicht müssen wir nicht alle diese Karten uns stornieren lassen, vielleicht können wir großzügig sein und so die unterstützen, die jetzt gerne arbeiten würden, aber wegen Corona keine Aufträge bekommen? Und bestellt online beim Musikhaus oder in der Buchhandlung in der Nähe oder per Telefon bei den Biobauern in der Nachbarschaft, lasst uns einander unterstützen, gerade jetzt! Worüber hatte ich meinen letzten öffentlichen Gottesdienst gehalten, als das noch ging? Ach ja: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!“ (Galater 6,2). Jesu Gesetz ist die Liebe. Lasten tragen ist ein anderes Wort für Solidarität. Keiner ist dem anderen eine Last. Sondern die Lasten, die jede und jeder zu wuppen hat, tragen sich besser, wenn viele mit anpacken. Es geht nur gemeinsam!

Gott segne und behüte euch! Herzliche Grüße, Euer Pastor Gerald

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