Ein altes Amt erwacht zu neuem Leben: In der alten Kirche hatte er eine ganz wichtige, allerdings auch sehr strenge Funktion gehabt: Der sogenannte Ostiarius. Ostium bedeutet lateinisch „Tür“. Und der Ostiarius war bei den alten Römern meist ein Sklave, der den Hauseingang der Villa zu bewachen hatte, dass niemand unbefugt sich Zutritt verschafft. Ja, in der Zeit der frühen Kirche stand ein solcher Ostiarius auch am Kircheneingang. Er war so etwas wie Türsteher und Platzanweiser in einer Funktion. Den Ungetauften zeigte er ihren Platz gleich vorne im Eingangsbereich der Kirche, da sie noch ohne Taufe nicht zu nahe dem heiligen Bereich des Altars kommen sollten. Genau bekamen die Büßer, die wegen Verfehlungen gerade vom Empfang des Abendmahls ausgeschlossen waren, ihren Platz angewiesen. Am Ostiarius kam man nicht so einfach vorbei.

Na ja, und als dann der Brauch aufkam zu Beginn des Gottesdienstes Glocken zu läuten, erhielt der Ostiarius eine neue Aufgabe. Aus dem Ostiarius hat sich dann im Lauf der Zeit das noch viel umfassendere Amt des Küsters oder der Küsterin weiterentwickelt. Und heute gibt es Ostiarii vor jeder Diskothek, jedem Club und an vielen anderen Stellen: Strenge Türsteher, die etwas darstellen, manche beliebt, andere gefürchtet– Menschen, an denen keiner so einfach vorbei kommt. Im Grunde gibt es die Türsteher schon in biblischen Zeiten. Auch der alte biblische Tempel kannte diesen Aufgabenbereich: dass Vorsteher darüber wachten wer den Tempel betritt und vor allem die Plätze anweisen. Im Tempel gab es ja extra Bereiche für Frauen, für Männer, für die Priester und für die Ungläubigen. Und so ein Türsteher im Tempel konnte für einen Pilger fern von Jerusalem der Inbegriff der Sehnsucht sein: Könnte ich doch nur wieder den Tempel sehen, selbst wenn ich nur in den äußersten Bereich dürfte! Im Psalm 84,11 heißt es: „Ein Tag in deinen Vorhöfen im Tempel ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hauseals wohnen in den Zelten der Frevler:“ Aber dass ausgerechnet ein Türsteher oder eine Türsteherin in christlichen Kirchen aktuell wieder so wichtig werden würde, hätte ich Anfang des Jahres mir nicht vorstellen können. – Und zwar wohlgemerkt der gestrenge Türsteher, die unerbittliche Türsteherin. Denn das wir freundliche Küsterinnen und Küster haben, die Menschen zum Gottesdienst begrüßen, nach ihrem Befinden sich erkundigen, ihnen ein Gesangbuch in die Hand drücken, einen kleinen Schnack halten, das ist ja ganz unbestritten. Aber nun brauchen wir gerade die gestrenge Türsteherin: die, die die Menschen mustert und nach ihrem Namen fragt und mit ihrer Anmeldeliste abgleicht. Eine Türsteherin, einen Türsteher, die streng kontrolliert, ob eine Mund-Nasen-Bedeckung vorhanden ist, oder eine ebensolche anreicht und auf sofortigem Aufsetzen besteht. Jemand, der den Eingang erst frei macht, wenn zwischen den Eintretenden auch genügend Abstand besteht. Statt Gesangbuch hält diese moderne Türsteherin, dieser moderne Türsteher die Desinfektionsflasche in der Hand. Einer, eine, die genau abzählt und ab einer bestimmten Zahl mit strenger Miene und Bedauern erklären muss: Sie dürfen nicht mehr rein! Und das, obwohl noch jede Menge Plätze im Kirchenraum frei sind! Und jemand, die nach dem Gottesdienst die Menschen der Reihe nach aus der Kirche herauswinkt und darüber wacht, dass sich die Gemeinde hinter dem Kirchenausgang auch in verschiedene Richtungen verstreut, statt noch lange in einer Gruppe beisammen zu stehen! Ja, es erscheint ein nicht minder strenges Amt zu sein als das in der Alten Kirche, und verantwortungsvoll ist es allemal! Dieses Amt ist dem Covid-19-Virus und den aktuellen Bedingungen geschuldet. Nur wenn wir so einen unbestechlichen Türsteher, eine strenge Türsteherin haben, dürfen wir Gottesdienst feiern. Und trotzdem werden die, die jetzt dieses Amt ausüben, euch mit viel Freundlichkeit morgen empfangen. Und wenn sie unangenehme Entscheidungen treffen und jemanden abweisen müssen, wisst: das alles ist dem Wunsch geschuldet, dass der Gottesdienst körperlich und seelisch stärken soll, aber keine gesundheitlichen Risiken mit sich bringen soll. Danke an euch Türsteherinnen und Türsteher, die ihr morgen in den Kirchen diese Aufgabe übernimmt. Ich freue mich jedenfalls morgen auf unseren Gottesdienst. In Emmelsbüll um 10.00 Uhr. Anmeldung ist sinnvoll, wir haben nur noch wenige freie Plätze. Das ich das als Pfarrer für einen ganz normalen Sonntag einmal werde ankündigen müssen, tststs! Aber wir haben ja eben auch nur 20 Plätze zum Vorhalten. Und wer morgen keinen Platz findet oder lieber noch mal daheim bleibt: wir streamen auch wieder Online!

Bleibt alle gut behütet!

Euer Pastor Gerald

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