Eine Woche ist es nun her. Als ich dieses ganz besondere Päckchen erhielt. An mich adressiert. An den Pastor – persönlich! Das klang gewichtig und geheimnisvoll. Zumal kein Absender zu erkennen war. Es fühlte sich an wie ein Geschenk! – Nun müsst ihr wissen, dass wir im Pastorat ziemlich viel Päckchen und Pakete bekommen. Unser armer Postbote, der sie zu schleppen hat, kann davon ein Lied singen! Längst nicht alle sind dienstlich. Aber meistens sind die privaten an meine Mädels adressiert. Die eine bestellt Tierbedarf. Die andere bestellt Klamotten ohne Ende, von denen die Hälfte dann nicht passt und wieder zurückgeschickt wird. Und meine Frau wiederum ist bei Ebay und außerdem in so vielen sozialen Foren im Internet unterwegs, und da wird sich ausgetauscht, Bastelbedarf, Strickwaren und so vieles mehr. Es ist also nichts Ungewöhnliches, dass bei uns Päckchen und Pakete eintrudeln, aber dieses eine nun war wirklich an mich adressiert. An mich ganz allein und unmissverständlich: An den Pastor persönlich!

Und es war noch gar nicht mein Geburtstag! Aufgeregt verzog ich mich mit selbigem Päckchen an einen ruhigen Ort und riss aufgeregt die Verpackung auf. Aber was ist das? Eine Tube rollt mir entgegen. Mayo für die nächsten Hotdogs? Acrylfarbe für eine Konfiaktion? Nutella aus der Tube? Hm. Rote Umhüllung. Und der Aufdruck: Schuhcreme. Schwarz! – Oha. Ich muss reichlich dumm ausgesehen haben in diesem Augenblick. Vorsichtshalber schaute ich noch einmal in das Päckchen hinein, ob ich noch irgendetwas übersehen hatte. Aber da war nicht mehr. Also versteht mich nicht falsch, nicht, dass das nicht ausreichend war als Geschenk, aber ich wollte mich doch noch einmal vergewissern…Oder vielleicht – eine kleine Karte dabei? Irgendein netter Gruß, eine Widmung, eine Erklärung, ein Absender? Nichts dergleichen. Nur diese eine Tube Schuhcreme. Langsam dämmerte es mir. Der Talar – ist einfach zu kurz. Ich meine, er ist ein praktisches Kleidungsstück, ob die Hose darunter schmutzig oder sauber ist, ob das weiße Hemd schlecht gebügelt ist oder gar einen Flecken hat, das alles fällt nicht auf, es bleibt unter dem Talar verborgen! Aber die Schuhe schauen unter dem Talar hervor. Und wenn ich bisher vielleicht meinte mit einem strahlenden Lächeln alle Aufmerksamkeit auf mein Gesicht zu lenken - musste ich nun merken: Oha! Menschen schauen auch auf die Schuhe. Und sehen dann nichts Strahlendes. Bisschen abgenutzt sind sie ja schon, meine Predigtschuhe. Manche Dose, manchen Ball habe ich damit schon gekickt. Länger nicht geputzt, zugegeben. Sonntag morgens kommt der Augenblick immer so plötzlich, wenn ich Richtung Kirche aufbreche: also schnell in die Schuhe geschlupft, und los geht es, und dann achte ich gar nicht auf den Zustand meiner Schuhe…Jetzt also hielt ich den Schlüssel zur Besserung in der Hand: eine Tube schwarzer Schuhcreme! – Ich wusste für einen Moment nicht richtig, was ich davon halten sollte… Ich meine, man hätte doch wenigstens noch ein paar Zeilen schreiben können…Mir fiel plötzlich ein: Hatte ich nicht mal in jungen Jahren ganz blauäugig einer Dame ein Duschbad geschenkt in bester Absicht, und sie mokierte sich, ob sie denn stinken würde oder wie ich auf die Idee kommen könnte ihr ausgerechnet ein solches Geschenk zu machen! Sollte ich jetzt etwa empfindlich auf die Schuhcreme reagieren? Recht hat mein anonymer Gönner ja zweifellos: auf die Schuhe habe ich schon lange keine Sorgfalt gelegt! Und vielleicht predigen sie mehr mit, als ich gedacht habe! Und können einen Gottesdienstbesucher von der Predigt ganz schön ablenken! Nein, auf einmal dämmerte mir: wie beschenkt ich war! Glücklich ein Pastor, dem die Gemeinde nicht die Leviten liest, wenn die Schuhe nicht ordentlich geputzt sind. Glücklich der Pastor, dessen Gemeinde weiß, wie groß der Stress manchmal ist und wie hoch die Vergesslichkeit, so dass dem Einkauf einer Tube Schuhcreme mancherlei im Wege stehen kann. Glücklich der Pastor, in dessen Gemeinde dann jemand einfach Abhilfe schafft, ohne große Worte, ohne einen Dank zu erwarten: Schuhcreme in den Umschlag, und abgeschickt. Und persönlich an den Pastor adressiert, dass die Schuhcreme auch wirklich bei ihm ankommt! So bleibt mir nur auf diesem Wege meinem anonymen Spender, meiner anonymen Gönnerin zu danken. Und herzlich einzuladen: Komm doch einfach mal sonntags vorbei in den nächsten Gottesdienst und überzeug dich selber: die Schuhcreme wirkt Wunder! Also zumindest, was die Optik meines Schuhwerks betrifft! Ich hoffe nur, ich verlege die Tube nicht so schnell! Glücklich der Pastor, der eine fürsorgliche Gemeinde hat! Ihr seid Gold wert! In dem Sinne – bleibt gut behütet und natrrlich auch gut beschuht! Euer Pastor Gerald mit am Sonntag hoffentlich wieder: schwarz glänzenden Schuhen!

Es ist keine aktuelle Losung vorhanden, bitte informieren Sie den Webmaster.