Schon lange ist es her, dass in der Schule in Emmelsbüll Gesang über den Platz schallte. Doch jetzt – „the storms may come and go, but the peace of God you will know“ (Stürme mögen kommen und gehen, aber der Frieden Gottes bleibt) – endlich wieder Musik in diesen stürmischen Corona-Zeiten! Seit Beginn der Corona-Beschränkungen ist auch das Singen und Musikzieren in ge- schlossenen Räumen nicht mehr möglich.

Noch immer wird von Chorgesang und Blasmusik in geschlossenen Räumen abgeraten. Doch gerade die Musik trägt durch stürmische Zeiten. Besonders in Italien wurde das gemeinsame Musizieren während der Aus- gangssperre weltweit bekannt: die Menschen musizierten und sangen von ihren Balkonen und Fenstern, um Gemeinschaft, Soli- darität, Zuversicht und Hoffnung auszudrücken. Weltweit wurde dies aufgegriffen und wurde so zu einem Zeichen der Hoffnung in dieser Krise. Auch unsere Stimmen – die „Joyful Voices“ – sollten zunächst verstummen. Jede Woche dachten wir aneinander, schickten Erinnerungen an vergangene Konzerte, unsere Lieblingsstücke, übten zuhause – jeder für sich. Doch nichts davon kann ersetzen, was Singen in Gemeinschaft ausmacht. So wurde die Möglichkeit einer Chor-Andacht im Freien bei vielen Mitgliedern des Chores mit Begeisterung aufgenommen. Chorleiterin Birgit Deussing und Pastor Gerald Rohrmann planten also Andacht „Open Air“ mit viel Gesang und Musik. Endlich konnten wir wieder zusammenkommen und gemeinsam singen! Gerald und Birgit begrüßten uns ungewohnt mit Abstand, Mund-Nasen-Bedeckung, Desinfektionsmittel, doch gewohnt vergnügt und voller Vorfreude.

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Geralds so passende Worte erinnerten uns daran, wie wichtig die Musik für die Gemeinschaft ist, wie sehr Musik durch schlechte Zeiten trägt. Er sprach von der Trauer um Verstorbene, die durch Musik erträglicher wurde und von den Konfirmanden, die sich für ihren Vorstellungsgottesdienst mit Sorgfalt die passenden Lieder auswählten: Singen befreit und erfüllt unabhängig von Alter oder Situation. So wurde andächtig und gestärkt auf dem Hof der Schule gesungen. Alle zusammen und dennoch jeder für sich.

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Durch die großen Abstände und die offene Umgebung fehlte der uns so vertraute und geschätzte Chorklang. „Als würde ich unter der Dusche singen“, „ganz ungewohnt“ oder „meine Stimme klingt komisch“, wurde gemurmelt. Jeder hörte hauptsächlich nur sich selbst, was für einen so großen Chor sehr ungewohnt ist. Schnell merkten wir: Das gemeinsame Singen und Musizieren ist so viel mehr als bloße Musik: dem Nachbarn zuhören; mit ihm eine Einheit bilden; sich vom Gesang aller tragen lassen; Teil des Ganzen sein; gemeinsam etwas erreichen; das wunderbare Gefühl, wenn aus anfänglichem Durcheinander an Tönen, Rhythmen und Harmonien ganz langsam ein gemeinsamer Chorklang wird; das stolze Gefühl, wenn ein neues Stück zur Aufführung kommt und toll klingt. Wenn man die anderen Mitglieder nicht hört, muss man viel mehr auf sich selbst vertrauen, muss Töne, Text und Tempo allein erinnern. Gar nicht so einfach, wenn die vertraute Stimme neben einem fehlt. Zunächst wollten die Lieder nicht klingen, selbst unserem energiereichen Klassiker „Put your hand“ fehlte an diesem Abend der Schwung. Nun waren wir zusammen und den- noch fühlten wir uns teilweise allein. Doch im Gebet und im Segen fand Pastor Gerald wieder genau die richtigen Worte: „Gott sei da und segne dich, wenn du dir in deiner Einsamkeit vorkommst, wie eine Nussschale auf großem Meer [...]. Gott sei da und segne dich, wenn du dir diese Ruhe gönnst und geduldig und gelassen auf gute Winde wartest.“ (nach Beate Zwick). Am Ende unserer Chor-Andacht Open Air, bei unserem Lieblingsstück „Holy“, konnten dann tatsächlich die meisten gelassener sein und loslassen. Jeder war nach den Segensworten ganz bei sich und trotzdem bei den anderen. Plötzlich klangen die Männerstimmen wie eine Welle, die die Frauenstimmen umschlossen. Das Gefühl von Gemeinschaft war wieder da, das Vertrauen darauf, dass auch wieder bessere Zeiten kommen und die Gewissheit, dass wir füreinander da sind und zusammen musizieren wollen und werden. Wie es nach den Sommerferien weitergehen kann, weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Solange das nordfriesische Wetter es zulässt, wird es wohl „Open Air“ bleiben. Und danach? Wer weiß …

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Text: Christina Jensen

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