Sie hatte es sich so gewünscht. Noch einmal die Schneeglöckchen erleben. Sie hat sich so nach Frühling gesehnt. Sie wusste, dass ihr nicht mehr ganz viel Zeit bleibt. Sie hoffte noch auf dieses eine Frühjahr. Aber mitten im Winter, als der Schnee in dicken Flocken bei uns auf die Erde fiel, ist sie gestorben. Und er: steht jetzt im Garten und betrachtet die Schneeglöckchen. Und denkt an sie. Und weiß gar nicht, was er mehr empfinden soll: die Verbitterung über ihr Sterben, und dann noch in dieser Coronazeit, den Schmerz, sie loslassen zu müssen und dieses Frühjahr und alle Zeit auf Erden, die kommt, nun ohne sie an seiner Seite zu erleben. Oder die Erleichterung, dass sie es geschafft hat.

Wer weiß, was noch alles gekommen wäre, Krankenhaus, Krankenlager, immer mehr körperliche Einschränkungen, Schmerzen. Dann wäre es vielleicht für sie Frühjahr geworden, und sie hätte doch die Schneeglöckchen nicht mit eigenen Augen sehen können, weil die Kraft nicht mehr da gewesen wäre! Während er so im Garten steht, hört er ihre Stimme auf einmal deutlich im Ohr: „Sieh nur! Wie schön!“ Vieles hätte sie jetzt entdeckt, nicht nur die Schneeglöckchen, auch die Vögel, die im Garten zwitschern, und viele andere Boten des nahenden Frühjahrs. Und sie hätte Pläne geschmiedet: was jetzt alles zu beschneiden ist, wann die Gartenmöbel auf die Terrasse zu stellen sind, welche Blumen und Büsche zu besorgen und zu pflanzen sind. Ob er in diesem Jahr überhaupt in der Lage sein wird, in diesem Garten viel Zeit zu verbringen? Wird er ihr hier näher sein oder wird es ihm einfach zu weh tun, in diesem Garten unterwegs zu sein, wo jede Hecke von ihr gepflanzt worden ist und jede Ecke von ihr erzählt? Er blinzelt in die schon recht warme Frühlingssonne. Wo ist sie jetzt? Dort oben irgendwo hinter dem unendlichen Himmel? Wo hört die Vergänglichkeit auf und fängt die Ewigkeit an? Vielleicht ist ja Ewigkeit doch eine Dimension, gar nicht so weit weg von unserer, einfach nebenan, nur eben unsichtbar. Vielleicht kann sie ja die Schneeglöckchen sehen und ihn im Garten, oder ist das zu naiv gedacht? Aber wenn sie ihn nun sehen würde, wie er so verloren dasteht. Wie schwer würde es ihr ums Herz werden. Könnte sie den Himmel genießen, wenn sie gleichzeitig weiß, dass er über den Verlust nicht wegkommt und sich nur noch in Tränen verzehrt? Kann Himmel nicht erst beginnen, wenn wir wissen, dass die, die wir lieben, aber vorläufig zurücklassen müssen, klar kommen auf der Erde und auch wieder zum Lachen finden und jeden Tag als Aufgabe begreifen, die Gott ihnen auf Erden noch zugedacht hat? „Sieh!“ , ruft er auf einmal in den blauen Himmel hinauf und deutet auf die Schneeglöckchen. „Du hast dich immer so auf sie gefreut! Und jetzt hast du sie mir geschickt als Gruß des Himmels. Als Hinweis, dass das Leben siegt! Ich werde gut auf sie aufpassen. Auf alles hier. Bis wir uns wiedersehen. Das werden wir! Aber noch muss ich hier einiges tun. Du würdest es nicht anders wollen!“ – Mancher, der am Grundstück gerade vorbei geht, schaut etwas verwundert hinüber. „Da redet er mit sich selber“, denkt man dann vielleicht. Was weiß so jemand Vorbeigehendes schon von der tiefen Zwiesprache zwischen Erde und Himmel!

„Gott. Sei bei denen, die uns hier auf Erden fehlen. Lass sie bei dir im Himmel geborgen sein. Und lass uns manchmal, wenn uns danach ist, mit ihnen reden. Und einfach im Herzen spüren: sie sind noch immer nahe. Und sie sind zugleich bei dir. Du wirst gut für sie sorgen. Du weißt, wie kostbar sie uns sind! Amen.“

Bleibt behütet! Euer Pastor Gerald

 

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