Diese Woche musste ich nach langer Zeit mal wieder an ihn denken. Seinen Namen weiß ich leider nicht mehr. Er war Assistent am Seminar für Altes Testament an der Universität in Mainz und hatte die Aufgabe uns Studienanfängerinnen und -anfängern in die althebräische Sprache einzuführen. Er tat es mit großer Hingabe. Eine Unterrichtsstunde ist mir noch besonders in Erinnerung. Er kam in den Hörsaal und kündigte an: Heute übersetzen wir ein Liebeslied. Er konnte wunderbar die Augen rollen und hatte einen ganz besonderen Akzent, der das Zuhören zum noch größeren Vergnügen machte. Und er begann uns einzuführen in die Welt des Alten Orients und die Symbolik des Weinberges: Kein größeres Kompliment könne man einer Dame machen als das, sie mit einem Weinberg zu vergleichen, der viele köstliche Trauben trägt!

Ein Bild für Fruchtbarkeit, Erotik und Schönheit gleichermaßen! Und dann begann er uns auf hebräisch und dann ins Deutsche übersetzt das Weinberglied bei Jesaja, Kapitel 5, vorzutragen. Da singt Jesaja von einem Freund, der einen wunderschönen Weinberg hatte – wir verstanden jetzt die Symbolik – und sich ganz viel Mühe um diesen Weinberg machte, alles für ihn tat. Aber dann – und hier ließ unser Hebärischlehrer eine lange Pause den Hörsaal erfüllen – brachte dieser Weinberg keine einzige gute Traube. Wie gebannt hingen wir an den Lippen unseres Lehrers und spürten die Enttäuschung über diese verschmähte Liebe, von der das Lied erzählt, mit. Morgen ist das der Predigttext. Zusammen mit der Fortsetzung dieses Weinbergliedes, die ich hier noch nicht zu detailliert verraten will. Es geht um Liebe und Enttäuschung. Und es endet letztlich mit einem großen Appell: wie hältst du es mit der Liebe? Weißt du eigentlich, wie sehr du geliebt bist? Von Menschen in deiner Nähe? Und von Gott? Welche Früchte finden die, die dich so lieben und sich ihrerseits nach Liebe sehnen, bei dir? Gestern Abend packte ich nach langer Zeit mal wieder meine hebräische Bibel aus und versuchte diesen Text von damals zu übersetzen. Oh je, was taten sich da Lücken auf! Wie war ich am Schwimmen, besonders bei den unregelmäßigen Verben! Jetzt liegt die Hebräische Schulgrammatik wieder greifbar auf dem Couchtisch! Ich muss unbedingt wieder was tun!!! Wenn das mein lieber Lehrer von damals jetzt wüsste!!! Damals haben wir den Hörsaal ganz schön bewegt verlassen. Und hatten ihn vor Augen, diesen unglücklichen Liebhaber zu biblischen Zeiten, den uns unser Lehrer so eindrücklich vor Augen gemalt hat. Der so enttäuscht war, dass all sein Werben um die Geliebte keinen Erfolg brachte. Liebe kann man nicht erzwingen. Wir können sie nur aus freien Stücken, dann aber mit ganzem Herzen erwidern. Das ist das Besondere an der Liebe. Sie hofft auf eine Antwort. Wenn zwei Herzen im gleichen Takt schlagen! Wenn ihr mehr dazu hören wollt: Morgen im Livestream-Gottesdienst um 11.00 Uhr aus Klanxbüll. Ich werde lieber aus der Lutherbibel den Predigttext vortragen und mich nicht selbst wieder im Übersetzen versuchen! Versprochen! Bleibt mir noch zu sagen: Hütet gut eure Liebe! Und bleibt gut behütet von dem, der euch liebhat!

Foto: Von Pfarrer Martin Anefeld, in dessen Nussdorfer Gemeinde ich vor nunmehr doch schon 26 Jahren mein Vikariat machen durfte. Gerne bin ich dort durch die Weinberge geschlendert! Danke, Martin, für Deinen lieben Fotogruß und die großartigen Fotos! Liebe Grüße in die Südpfalz!

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