Als ihr Mann so plötzlich verstarb, von einem auf den nächsten Moment – und dazu noch viel zu früh! – da war sie einige Tage wie erstarrt in ihrer Traurigkeit. Freunde rieten ihr: Lass dich krank schreiben, nimm dir Zeit für dich, so lange du brauchst! Aber am nächsten Montag fuhr sie wieder an ihre Arbeitsstätte. Sie war Erzieherin in einem Kindergarten. Und sie sagte später immer: „Das hat mir das Leben gerettet. Die Kinder kamen auf mich zu. Sie trösteten mich. Andere wussten gar nichts von meinem Schmerz und waren so wie immer. Sie brauchten mich. Ich musste sie zum Lachen bringen wie auch sonst. Das half mir in dieser schweren Zeit nicht durchzudrehen.“ Sie wurde gebraucht.

Und was gibt es Schöneres, als wenn Kinder uns brauchen. Als seine Frau nach schwerer Krankheit starb, war er lange allein. Er ließ kaum einen Menschen an sich heran. Er schottete sich ab und dachte, Lachen und Freude, Glück und Lebensmut ist nur noch etwas für die anderen. Er haderte mit der Frage: „Warum?“ – Auf einer Kur lernt er sie kennen: eine Witwe, die ähnliches Leid viel zu früh durchstehen musste. Langsam öffnen sich beide füreinander, erzählen einander ihren Schmerz. Finden zueinander. Irgendwann sieht man sie das erste Mal gemeinsam lachen. – Später, als sie längst schon ein Paar sind, erzählt er eines Tages: „Meine Frau hat mir gesagt: Du musst wieder jemanden finden! Deshalb wirst du mir doch nicht untreu. Unsere Liebe, die bleibt etwas Einzigartiges. Aber allein bleiben ist nicht schön. Sei bereit, wenn die Richtige kommt, und öffne dein Herz. Und wer weiß, vielleicht kann ich euch vom Himmel aus dann sehen. Und ich werde nicht verletzt sein und werde nicht toben, sondern mich mit euch freuen!“ – Ohne solche Worte von ihr hätte er es womöglich nie zugelassen sich noch einmal zu verlieben. „Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (Johannes 19,26-27). Maria verliert ihren ältesten Sohn. Sie muss zusehen, wie er stirbt. Und Johannes, einer seiner engsten Freunde, der womöglich der mit Abstand Jüngste im Kreis der Jünger war, sieht seinen Freund und Meister Jesus sterben. Jesus, der sein ganzer Lebensinhalt war, für den er alles stehen und liegengelassen hat. So verloren stehen die beiden da unter dem Kreuz. Jesus bringt sie zusammen. Mit der letzten irdischen Kraft, die Jesus da am Kreuz noch bleibt, trifft er eine Herzens-Entscheidung. „Das ist deine Mutter. Das ist dein Sohn!“ Beide müssen ihren Herzensmenschen Jesus losgeben. Aber finden zugleich eine neue Aufgabe. Sie finden beide, Maria und Johannes, im jeweils anderen den Menschen, der wie kein zweiter den eigenen Kummer versteht. Den Menschen, für den sie da sein können. Den Menschen, der niemals müde wird, wenn sie ihm von Jesus erzählen werden. Den Menschen, für den es sich lohnt: noch da zu sein auf Erden, weiterzuleben! Und sie wissen: Er. Jesus. Hat es genau so gewollt. – Gott will nicht, dass wir hinterhersterben, wenn ein Herzensmensch geht. Er möchte, dass wir diese Zeit auf Erden annehmen, die uns bleibt. Dass wir weiter das Wichtigste verschenken, das wir haben: Unser Herz. Bis wir einander alle einmal im Himmel wiedersehen, wo keiner einsam bleibt. Wo alle Herzen füreinander schlagen. Nur das kann Himmel sein! – Das letzte irdische Wunder, das Jesus tut, geschieht da am Kreuz: er verhilft zwei Menschen zum Weiterleben! „Gott. Sei bei unseren Herzensmenschen, die schon gestorben sind. Sorge gut für sie bei dir! Hilf, dass unser Herz hier auf Erden weiterschlagen kann. Bis wir uns einmal wiedersehen! Amen.“

Bleibt behütet! Euer Pastor Gerald

 

156339346_267993758171671_1454726607609337263_o.jpgFoto: Maria und Johannes unter dem Kreuz – Marienkirche Horsbüll