Es war der erste Tag danach – nach der Kapitulation Deutschlands und damit auch dem Ende der NS-Schreckensherrschaft! Dass durch die Corona-Pandemie die Gedenkveranstaltungen nun so still, leise, ohne große Öffentlichkeit, ohne internationale Gäste, junge Menschen und Zeitzeugen stattfinden musste, ist sehr schade. Aber als ich gestern im Fernsehen den einsamen Trompetenspieler hörte und dann die Worte des Bundespräsidenten, dachte ich doch so bei mir, dass diese Art des Gedenkens dennoch sehr würdig war. Ein Tag der ganz leisen Töne. Da ist die Dankbarkeit, dass seit nunmehr 75 Jahren in Deutschland und Westeuropa kein Krieg mehr war.

Wie leiden wir momentan unter der nötigen Distanz wegen des Virus, der fehlenden Möglichkeit zu reisen, geschlossenen Lokalen – aber was haben die Menschen damals für Leid erlebt, Zerstörung, Hunger, und dann die vielen Bilder, die man mit Kriegsende nicht einfach abschütteln und ablegen kann, von Erschießungen, von Angst in Luftschutzkellern, von Kindern, die ihre Väter nie kennenlernen durften, von täglichem Sterben in Schützengräben oder Internierungslagern. 08. Mai 1945 – zu dem Tag gehört auch die Freude über die Befreiung damals von der Nazi-Schreckensherrschaft und von dem schrecklichen Diktat des Krieges, das uns im andern den Feind und nicht den Bruder, die Schwester, das geliebte Gotteskind entdecken lässt. 8. Mai: Da ist aber auch ganz viel Scham über all das unfassbare Leid, das Menschen in unserem Land oder durch Menschen aus unserem Land angetan wurde. Und dann ist da noch dieser Ekel, dass es zuletzt wieder hier in Deutschland salonfähig zu werden droht, die Schrecken der Nazizeit zu leugnen, abfällig über Menschen anderer Hautfarbe und Nationalität zu reden, Menschen jüdischen Glaubens zu bedrohen und die eigene Nation so viel wichtiger zu erachten als die Menschenwürde des anderen und das gemeinsame Überleben der Menschheit. Mir fielen gestern zwei Erlebnisse wieder ein: wie ich vor einigen Jahren auf einer Gemeindereise in Israel auch die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem besuchte. Ich sehe mich noch im Kindermemorial stehen. Dieser dunkle Raum, in dem sich die fünf aufgestellten Kerzen tausendfach spiegeln und eine Stimme vom Band Namen und Alter der 1,5 Millionen jüdischen Kinder und Jugendlichen verliest, die durch den Rassenwahn der Nazis ums Leben kamen. Das Band braucht ungefähr drei Monate, um einmal ohne Unterbrechung alle Namen verlesen zu haben. Am Ausgang dieser Gedenkstätte hatte es mir nicht einfach nur die Sprache verschlagen: ich wollte nichts sagen. Schon gar nicht in deutscher Sprache. Ich wollte in diesem Moment am liebsten gar nicht als Deutscher erkennbar sein, weil die Scham über das, was geschehen war, so tief saß. Und mir fiel noch etwas ein: meine Teilnahme an einem Partnerschaftsbesuch meiner früheren hessischen Gemeinde in Allendorf im französischen Bonneval, der Partnerstadt von Allendorf. Die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden. Die enge Freundschaft zwischen den beiden Städten, die über Jahrzehnte gewachsen war. Die Selbstverständlichkeit der jährlichen Begegnung, einmal auf französischem, im nächsten Jahr auf deutschem Boden. Und die Umarmungen zur Begrüßung und Verabschiedung. So fühlt sich Frieden an. So großartig und überwältigend ist Versöhnung. Vor 75 Jahren war der erste Tag nach Kriegsende. Noch war nichts heil und die Wunden riesig und die Schuld unerträglich. Aber es war der erste Tag in eine hoffnungsfrohere Zukunft. Keinen dieser friedvollen Tage seither sollten wir missen wollen! Und jeden Tag neu für diesen Frieden arbeiten. Frieden, das heißt Schalom oder Mir oder Pace oder Peace. Es heißt vor allem: du, Fremde, Fremder: wir gehören zusammen auf dieser Welt. Lass uns Schwester, Bruder sein und gemeinsam dieses Leben gestalten. Dazu hat uns Gott geschaffen. Frieden. Schalom. Mir. Pace. Peace. Salam. Oder wie immer du dazu sagst: ein großes Wort für eine noch viel größere Aufgabe!

Bleibt behütet!

Euer Pastor Gerald