Wie, ihr habt noch keines? Immer noch nicht? Puh, jetzt wird es aber knapp. Ich meine – das große Fest steht ja fast schon vor der Tür. Und auf den letzten Drücker sich ins Einkaufsgewühl zu stürzen, ist ja auch nicht so prickelnd. Zumal in Coronazeiten! Ja, es ist nur noch – ein halbes Jahr hin! Heiliger Abend! Weihnachten! Also kommt in die Puschen! – Wobei , ich gebe es zu, bei diesem schönen Wetter draußen ist es mir auch noch nicht gelungen meine Gedanken für die Weihnachtspredigt zu sammeln oder über ein Krippenspiel der Kinder nachzudenken. Was wird überhaupt gehen in diesem Jahr, wo alles so anders ist als sonst? Heute ist jedenfalls der 24. Juni. Im Heiligenkalender Geburtstag von Johannes dem Täufer. Von ihm stammt der fälschlicherweise viel zu oft den Machern der „Brigitte“-Diät zugeschriebene Slogan: „Ich muss abnehmen“. Er soll diesen Satz im Blick auf Jesus gesagt haben: „Er muss wachsen – ich muss abnehmen.“ Johannes, dessen Mutter Elisabeth mit Maria, der Mutter Jesu verwandt war. Und beide Mütter waren zeitgleich schwanger. Elisabeth überraschenderweise in ihrem vorgerückten Alter, die gar nicht mehr mit einem Kind gerechnet hat. Und Maria überraschenderweise, als unverheiratete Frau, durch den Heiligen Geist, so beschreibt die Bibel das Wunder.

Bei Elisabeth, die im Bergland wohnte, tauchte Maria ja auch eine ganze Weile bis zur Geburt von Jesus unter, vielleicht um sich Rat zu holen für diese überraschende Schwangerschaft, vielleicht auch um dem Dorftratsch in Nazareth zu entgehen über das junge Mädchen, das ein uneheliches Kind erwartet… 30 Jahre später treten die beiden Jungs von damals nun als erwachsene Männer in die Öffentlichkeit: Johannes fängt an zu taufen und von Gottes Kommen zu predigen. Und Jesus lässt sich bei ihm taufen und heilt Kranke und verkündigt, dass das Himmelreich ganz nahe ist. Johannes wird bald darauf festgenommen und schließlich im Gefängnis hingerichtet. Jesus ist der, der nun übrig bleibt. Er zieht sich daraufhin nach Galiläa, seiner Heimat, zurück. Er wandert durch die Dörfer und die Gegenden. Und er predigt, mit Vollmacht, sagt die Bibel: Ja, er weiß Bescheid, wovon er spricht, er spricht von Gott, fordert die Menschen auf sich zu ändern, der Liebe Raum zu geben, er vergibt Sünden und wendet sich den Ausgestoßenen der Gesellschaft zu. Immer mehr wächst die Hoffnung, die Ahnung der Menschen: das könnte er sein – der Retter. Der Heiland. Der Messias! Auch Johannes beflügelt diese Hoffnung. Im Johannesevangelium sagt Johannes über Jesus: Er muss immer weiter wachsen, ich muss weiter abnehmen. (Johannes 3,30). Ich find das stark. Dass sich Johannes hier so zurückzunehmen vermag. Dass er in Jesus den kennt, der ganz besonders mit Gott im Bunde ist. Dass Johannes sich bescheiden kann: er ist mit der Taufe Wegbereiter auf Jesus hin. Als der Geburtstag von Jesus, der in der Bibel ja als Datum nicht überliefert ist, irgendwann auf den 24./25. Dezember festgelegt wurde, war damit auch klar: dann muss der Geburtstag von Johannes dem Täufer am 24. Juni gefeiert werden. Genau ein halbes Jahr vorher. An Weihnachten werden die Tage langsam wieder länger, es wird wieder hell: mit Jesus ist das Licht geboren. Am 24. Juni dagegen ist die Sommersonnenwende überschritten: die Tage werden jetzt langsam wieder kürzer: sie nehmen ab – auf Jesus hin, damit sie dann an Weihnachten wieder zunehmen können: „Jesus muss wachsen, ich muss abnehmen.“ Und wir? Gelingt es uns uns nicht immer zu wichtig zu nehmen? Nicht immer die Backen aufzublasen? Nicht immer meinen alles richtig gemacht zu haben? Nicht immer im Mittelpunkt stehen zu müssen? Gott sind wir wichtig. Das ist wahr. Darum müssen wir uns selbst nicht zu wichtig nehmen. Wichtig ist doch: dass er wächst. Dass er zunimmt. Dass sein Name groß wird. Dass seine Liebe spürbar wird. Jesu Name – Jesu Liebe- Jesu Heil. Kleiner Nachtrag. Corona in Gütersloh. Meine Gedanken sind bei den Menschen dort. Den Infizierten. Denen, die alles wieder herunterfahren müssen und ihre berufliche Existenz weiter wegbrechen sehen. Den Kindern, die bei dem schönen Wetter nun weder in die Schule noch auf einen Spielplatz dürfen. Den Senioren in den Heimen. Allen, die unter den Kontaktbeschränkungen leiden. Es nimmt noch nicht einfach ab, dieses Virus. Immer wieder bricht es aus. Die Pauschal-Urlaubsverweigerung gegenüber Menschen aus den betroffenen Landkreisen ist eine sehr heftige Maßnahme. Der Nachweise eines negativen Coronatestes müsste doch reichen, Urlaubern auch aus Gütersloh die Einreise nach Schleswig-Holstein zu gestatten! Und wir alle müssen was ändern. Menschen so entwürdigend zu „halten“ wie in manchen Fleischereibetrieben – wenn man das liest, dass dieselben Matratzen in drei Schichten genutzt wurden in den Unterkünften. Die Arbeitsbedingungen dort. Der Druck! Was sind wir für Gastgeber? Und dann die Haltung von Tieren. Die Situation in den Schlachthöfen. In einem Land, das wirtschaftlich so gut dasteht und so viele vorbildliche Sozial – und Umweltstandards einhalten könnte…. “Ich bin Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das Leben will“, so hat Albert Schweitzer seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben beschrieben. Wie können wir uns von diesem Anspruch so meilenweit entfernt haben? Ob Corona diesbezüglich wenigstens etwas zum Besseren bewegt in unserem Land? Die Gastfreundschaft. Die Menschlichkeit. Die Ehrfurcht vor dem Leben. Wenn das alles wächst. Dann wächst auch Jesus wieder in uns und mitten unter uns. Wir können abnehmen – er muss wachsen! Bleibt behütet! Euer Pastor Gerald