Mittwoch vor dem Faschingswochenende – das war der Tag, an dem es bei uns damals daheim, als ich Kind war, mittags nur eine Suppe gab und zugleich der Geruch leckerer, frischgebackener Kreppel die ganze Wohnung erfüllte: Meine Mutter und meine Oma verarbeiteten an diesem Tag eine Kilo Mehl. Donnerstag und Freitag durften dann – einen Tag meine Schwester, einen Tag ich: Freundinnen und Freunde zum Kreppelkaffee einladen. Am Freitag lief immer „Mainz bleibt Mainz“ im Fernsehen, und dann am Wochenende war ich unterwegs: auf Karnevalsumzügen, Faschingsbälle bis zur Kehrausfeier der katholischen Kirchengemeinde bei uns in Wiesbaden am Fastnachtsdienstag. – Und so hat mich Karneval begleitet. Im Studium in Mainz durfte am Donnerstag (Altweiberfastnacht – darf man das noch so nennen) unseren Professoren, wenn sie unvorsichtigerweise eine Krawatte trugen, selbige abgeschnitten werden. Im Vikariat gab es im Nachbarort einen kleinen Umzug. Im Vogelsberg luden wir als Kirchengemeinde zum Kinderfasching ein. Und in Nordhessen wurde ich als Pfarrer gefragt, ob ich bei der örtlichen Faschingssitzung nicht mit Bürgermeister und einigen anderen Männern beim „grazilen“ Männerballett mitmachen wollte. – Hier in Nordfriesland gibt es anderes – die fünfte Jahreszeit ist hier, hab ich gelernt: die Grünkohlzeit. Ein Männerballett stellt bereits die Feuerwehr Emmelsbüll-Horsbüll, und die sind richtig gut!

Wie überhaupt ersetzen die Feuerwehrfeste im Januar und Februar mit Tanz und ausgelassener Stimmung die Faschingsveranstaltungen in anderen Teilen der Republik richtig gut! Als ich auf einer meiner früheren Stellen beim Männerballett im Karneval mitmachte, erhielt ich Tage später eine Email. Ein kirchlich sehr engagierter Mensch fragte mich irritiert an, wie ich denn das Mitwirken im Karneval – und dann noch den freizügigen Auftritt auch noch in „Frauenkleidern“ beim Männerballett – mit meinem Pastorenamt vereinbaren könne. Nun machte der Auftritt mit dem Männerballett mir einfach Spaß, die Wochen davor mit den Proben, das machte so viel gute Laune, und es entstanden dabei richtig gute Freundschaften. Und irgendwie gefiel mir in diesen etwas ausgefallenen Outfits, in denen wir Männer mit deutlichem Bauchansatz schon recht lustig aussahen, dass wir uns selber nicht zu ernst und zu wichtig nahmen, auch nicht als Bürgermeister oder Pastor. Über sich lachen können und zulassen, dass andere über einen lachen können: ich fand das richtig wohltuend. Und Glaube will doch auch etwas Fröhlichkeit verbreiten! Wir halten der Welt und uns selber den Spiegel vor. Vieles ist so ernst. Aber dass man auch mal befreit lachen kann. Dass man mit Augenzwinkern statt immer nur mit strengen moralischen Appellen auf Missgeschicke hinweist, den Finger in Wunden legt, aufzeigt, wie unvollkommen vieles auf der Welt und eben auch wir Menschen selber sind: und dennoch von Gott geliebt! Das gefällt mir an Fasching oder Karneval. Dass man sich verkleidet und in ungewohnte Rollen schlüpft und darin andeutet, dass in jedem Menschen so viel mehr steckt, als er oder sie normalerweise nach außen trägt. Und dass Lachen gerade auch in schweren Zeiten so gut tut. – Im Mittelalter wurde teilweise verneint, dass Jesus als Mensch auf Erden je gelacht hat, denn das Lachen schien des Teufels. Es wird auch heute viel zu viel auf dieser Welt teuflisch gelacht, auf Kosten anderer, Menschen werden ausgelacht, Nöte werden bagatellisiert. Das gibt es leider. Aber ein Lachen aus ganzem Herzen. Ein Lachen aus Freude an diesem kostbaren Geschenk des Lebens. Das ist ein Akt der Befreiung. Ein Lachen, das Gott schenkt, weiß darum, dass das Leben hart ist, in der Welt vieles ungerecht ist und im Argen liegt, aber dass Gott diese Welt nicht vergessen hat. Dass er da ist und niemanden fallen lässt. Dass wir Hoffnung haben dürfen auch gegen den Augenschein. Dass der Glaube ein Herz etwas leichter machen kann. Wenn Jesus geheilt hat , dann hat er Menschen ihr Lachen wiedergeschenkt. Wenn Jesus bei Zachäus einkehrt, dann lesen wir zwischen den Zeilen, welch strahlendes Gesicht der Zöllner dabei gehabt haben muss, vor lauter Freude. Wenn Jesus auf einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt, dann kann er das nicht mit bierernstem Gesicht getan haben. Wenn Jesus vom Kamel redet, dass eher durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in den Himmel kommt – dann war das auch ein umwerfend komischer Vergleich, durch den Menschen die ernste Botschaft dahinter leichter annehmen und ins Nachdenken kommen konnten. Wenn Jesus Kinder auf den Arm nimmt, dann kann ich ihn mir dabei nur strahlend vorstellen. Und wenn an Ostern das Grab leer ist und Jesus als Auferstandener den Jüngerinnen und Jüngern erscheint. Dann müssen sie vor Freude gejubelt, getanzt und gelacht haben. Die Bibel erzählt sparsam, aber bietet genügend Material, aus dem wir das Lachen und die Freude regelrecht heraushören. Und nicht umsonst entstand bald die Tradition im Ostergottesdienst kräftig zu lachen, befreit loszulachen, den Tod, der immer noch Angst macht, aber doch an Ostern klein beigeben muss: regelrecht auszulachen. – Die Zeiten momentan sind sehr ernst und schwer. Ich wünsche uns, dass wir manchmal wenigstens für einen Augenblick ein Lächeln ernten, das uns gut tut. Oder mal lachen können, weil jemand etwas Lustiges erzählt oder etwas Lustiges anstellt. Und uns daran erinnern: dass bei Gott Hoffnung und Freude ist. In einem lachenden Gesicht spiegelt sich die Freude der Engel.

Seid behütet! Euer Pastor Gerald

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